Coroenchen-FAQ

Warum häkeln Sie Ihre Coroenchen und haben sich nicht für „ernsthaftere“ Ausdrucksformen wie Malerei oder Bildhauerei entschieden?
Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit bewirken?
Nehmen Sie die Pandemie ernst?
Macht die Pandemie Ihnen Sorgen oder gar Angst, die sie hier verarbeiten?
Welche Wege gehen Sie in dieser Zeit, damit die Menschen Ihre Coroenchen entdecken können?
Was sind Coroenchen? Aus welchem Material bestehen sie?
Seit wann arbeiten Sie an dem Projekt? Wie sind die Cs entstanden?
Sie haben die Mutationen schon vorweg gehäkelt. Wie kamen Sie darauf?
Wie ging es dann weiter?
Wie sind sie auf den Namen Coroenchen gekommen?
Ist der Name nicht zu verniedlichend für die Pandemie?
Was sagen Sie zu den Wort-Neuschöpfungen rund ums C?
Wie war die letzte Zeit für Sie?

Warum häkeln Sie Ihre Coroenchen und haben sich nicht für „ernsthaftere“ Ausdrucksformen wie Malerei oder Bildhauerei entschieden?

Für mich sind alle künstlerischen Ausdrucksformen gleichwertig. Ich bewege mich in den unterschiedlichsten künstlerischen Szenarien und Formaten, die sich sogar häufig überschneiden. Dabei arbeite ich mit den klassischen Materialien und Künstler-Werkzeugen. Also mit Pinsel, Leinwand und Farbe, Öl, Acryl und vielem mehr. Aber oft auch mit Fundstücken, die ich collagiere oder mit neuen Inhalten belege. Ich male, fotografiere, trete in Performances auf, zeige Installationen und arbeite – gleichzeitig – an Langzeitbeobachtungen.

So war es für mich keine Frage, ob das Häkeln „ernsthaft“ ist oder nicht. Das Thema C ist ernst, meine Ausdrucks- und Vorgehensweise jedoch eher humorvoll, locker, ja, auch spielerisch. Aber: Im Endeffekt entsteht mit Garn und Nadel etwas Dreidimensionales, also eine Skulptur. Nur eine, die nicht auf einem Sockel positioniert ist.

Weil die Textilkunst immer noch eher am weniger beachteten Rand eines tradierten und formatierten Kunstbegriffs angesiedelt ist, bedeutet das nicht, dass die Inhalte und Gedanken, die in meiner Arbeit stecken, nicht ernsthaft wären.

Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit bewirken?

In den sonst von mir häufig eingesetzten Formaten, wie beispielsweise der Installation oder Performance, steckt ursprünglich als Idee, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Sie herauszulocken aus der Ansicht, dass Kunst so etwas Hehres sei, irgendwo weit oben, in unerreichbaren Sphären angesiedelt, etwas, das im Museum oder in der Wohnung an der Wand hängt.

Meine Woll-Virusse jedoch sind etwas, das kann man anfassen. Sie entstehen mit einer Technik, in der auch Schals oder Topflappen entstehen können. Sie sind weich, farbenfroh und purzeln frech durch die Welt.

Das alles schafft Nähe zu den Menschen, veranlasst sie zum Schmunzeln, Lächeln oder auch zum Diskurs über dieses C. Schon der Gedanke, dass ich einen – sonst so bösen – Mikroben in der Hand halten kann, wirkt doch versöhnlich. Es mag durchaus sein, dass sich den Betrachterinnen und Betrachtern die Frage stellt, ob es denn nicht noch viel Bedrohlicheres auf der Welt gibt.

Es wäre schön, wenn meine Coroenchen ein ‚Apotropaion‘ sein könnten, wie mir Dr. Eser, Chef der Nürnberger Museen, neulich schrieb. Ein Zaubermittel …

Nehmen Sie die Pandemie ernst?

Obwohl meine Arbeit mit den Woll-Virussen vielleicht nicht danach aussehen mag, nehme ich die Pandemie beziehungsweise Covid insoweit ernst, dass ich mir selbst auferlegt habe, direkte, also persönliche Außenkontakte und Treffen weitestgehend einzuschränken, um meine Familie, besonders meine bald 88-jährige Mutter, zu schützen.

Andererseits aber, also gerade durch den „Rückzug“ aus dem öffentlichen Leben, intensivierte ich vielfältige Kontakte in meinem Netzwerk, insbesondere zu Künstler*innen. Ich nutze dafür lediglich andere Kommunikationsarten: Telefon, E-Mails, Briefe

Mich interessiert, was andere bewegt, natürlich besonders in dieser Zeit, aber auch, aus welchen Quellen sie ihre Informationen beziehen und wie sie sich ihre Meinungen bilden.

Und: Viele Menschen brauchen Zuspruch, gerade in pandemischen Zeiten, in denen sie jetzt oft auf sich selbst zurückgeworfen sind und im Außen nicht sichtbar sein können. Dies trifft aus meiner Sicht natürlich auch auf uns Künstlerinnen und Künstler zu.

Macht die Pandemie Ihnen Sorgen oder gar Angst, die sie hier verarbeiten?

Selbstverständlich haben mich, zu Beginn der Pandemie, die Bilder aus China und die Szenen auf den Intensivstationen erschrocken. Aber das fühlte sich damals, am Jahresanfang, noch an, als sei es relativ weit weg. So war der Auslöser für meine Arbeit mit den Woll-Virussen anfänglich mehr ein gewisses Unbehagen, vielleicht sogar eine Ratlosigkeit. Da ist etwas Unbekanntes, etwas Gefährliches, noch nie in dieser Form sichtbar dargestellt, etwas angeblich Bedrohliches. Andererseits wird ES uns in den Medien in bunten Bildern, als farbige Kugel mit Ärmchen oder Tentakeln, vor Augen geführt. Und das soll eine Bedrohung sein?

Auf diese leuchtenden Bilder der Viren sprang mein Tun-müssen an. Ich musste ES dreidimensional und dadurch im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar machen. Danach haben meine Hände verlangt, mehr als mein Kopf. An das Schaffen von Kunstwerken habe ich dabei noch nicht gedacht. Auch nicht, dass es mich solange, nämlich über ein Jahr, beschäftigen sollte.

Welche Wege gehen Sie in dieser Zeit, damit die Menschen Ihre Coroenchen entdecken können?

  1. Es gibt zuallererst meine Homepage, pas-kunst.de, die ich laufend aktualisiere, dort stelle ich sämtliche neu e ntstandenen C’s vor: Über 250 Exemplare. Alle nummeriert und archiviert. Außerdem präsentiere ich dort alles, was rund um meine Coroenchen passiert.
  2. Dann nutze ich Social Media vorrangig INSTAGRAM, mit dem eigenem Account: #mydailycoroenchen. Manchmal auch Facebook.
  3. Ich hatte für den Oktober 2020 eine Ausstellung in einer Galerie geplant, die leider nicht stattfinden konnte. Kurzerhand habe ich daraufhin die Präsentation zu mir nach Hause verlegt und die Coroenchen in einer Wohnzimmerausstellung gezeigt. Der Titel der Ausstellung war: Besiedelung oder was wäre, wenn wir da durch müssten?
  4. Nachdem mir klar wurde, dass die Einschränkungen für uns Künstler anhalten würden, habe ich mich im Januar dieses Jahres entschieden, einige Coroenchen in die Welt hinauszuschicken. So richtig analog, zum Anfassen also und mit dem eigenen C-Journal. Ein Heft, DIN A 4, in dem die Welt der Coroenchen anschaulich dargestellt wird. Die Coroenchen sendete ich samt Begleitbrief an verschiedene Museen, die zur Pandemie Material sammeln. Hieraus entstand eine meist sehr amüsante Korrespondenz: zum Beispiel mit dem Chef der Nürnberger Museen, dem Wien-Museum, mit den Museen in Erding, Pottenstein und Ingolstadt. Von letzterem, dem Deutschen Medizinhistorischen Museum wurden eigens Coroenchen ausgesucht und für die aktuell dort laufende Ausstellung „Maskentonne“ bestellt. Das war mein erster C-Auftrag! 😉
  5. Im Dezember stellte der Kunstverein Salzburg die Coroenchen in seinem digitalen Ausstellungsformat vor.
  6. Danach wurde die Presse auf die Cs aufmerksam und berichtete im Februar über meine Woll-Virusse.

Was sind Coroenchen? Aus welchem Material bestehen sie?

C-201

Meine Coroenchen sind farbige, ursprünglich kugelrunde Wollknäuel mit auskragenden Ärmchen, Rüsselchen, Tentakeln und Knoten. Anfänglich habe ich sie aus Baumwollgarn gehäkelt, das ich aus einer anderen Kunstarbeit vorrätig hatte. Diese Arbeit im öffentlichen Raum, die für letzten Mai geplant war, konnte ich wegen der einsetzenden Pandemie nicht realisieren. Ich saß förmlich auf meinem Woll-Vorrat!

Die Coroenchen haben einen Durchmesser von 5 und mehr Zentimetern. Sie wiegen zwischen 20 und 200 Gramm. Gefüllt sind sie mit Schaumstoffresten, nicht mehr benutzten Kleidungsstücken, T-Shirts, Strumpfhosen … Eines meiner Arbeits-Prinzipien ist nämlich, möglichst wenig Material dazu zu kaufen. Letztes Jahr wurde bekanntlich viel ausrangiert, nicht nur von mir, sondern auch von Bekannten und der Familie, das habe ich genutzt.

Inzwischen sind Coroenchen aus diversen Materialien wie Geschenkband, zerschnittenen Textilien und Schnur entstanden.

Seit wann arbeiten Sie an dem Projekt? Wie sind die Cs entstanden?

Irgendwie habe ich es mit dem Dreizehnten: Am Freitag, dem 13. März 2020 entstand das allererste Coroenchen als ich ausnahmsweise wie gebannt vor dem Fernseher saß. Was ich sonst nicht allzu oft tue. Ich sah unseren Ministerpräsidenten, der Ausgangssperren und andere Maßnahmen ankündigte.

Gleichzeitig war da diese farbenfrohe Grafik des Virus, ständig und überall, in jeder Talkshow, in jeder Nachrichtensendung. Immer wenn ich mir in den Wochen darauf eine Sendung zu dem C-Thema ansah, häkelte ich weiter. Bunte geheimnisvolle Wesen, plötzlich greifbar und so gar nicht bedrohlich oder beängstigend. Zumindest nicht für mich …

Bis zum 13. Juni 2020 hatte ich schon über 150 kleine und größere C-Chaoten gehäkelt, da fasste ich den Entschluss, dass die Cs aus dem Atelier hinaus müssen. Im Außen sollten sie sichtbar werden, auch, um die von der Pandemie bedrückten Menschen etwas zu erheitern.

Mein Ziel war damals, die Coroenchen im Herbst 2020 auszustellen. Gleichzeitig merkte ich, dass diese Idee eventuell auf recht wackligen Füßen stehen könnte. Ich beschloss noch am selben Tag, der Welt meine Cs zu zeigen.

Was wäre zeitgemäßer gewesen als ein eigener Instagram-Account für die kleinen Häkel-Chaoten? Ich machte sie von da an täglich auf Instagram unter #mydailycoroenchen öffentlich sichtbar. Gleichzeitig schickte ich Informationen an das Coronarchiv nach Hamburg. Dort wird digital alles zum Thema Covid gesammelt.

Sie haben die Mutationen schon vorweg gehäkelt. Wie kamen Sie darauf?

C-247 Rosa Wolke Foto:Thomas Scherer

Irgendwann tauchte auf meinem Instagram-Account unter jedem Post eine Nachricht des Bundesgesundheitsministeriums zu Covid auf. Das war für mich eine unerwünschte Fremdbesiedelung. Die Coroenchen zogen sich daraufhin etwas zurück und schmollten. Doch um den 13. Juli 2020 entstand aus meiner Wut darüber etwas Neues. Nämlich mein erstes, noch etwas unbeholfenes M-01.

Die erste gehäkelte Mutation war in der Welt!

Witzigerweise war es ein niedliches pinkfarbenes Häkelwesen ohne Ärmchen, ohne Tentakel, jedoch mit überproportionierten Auswüchsen.

Danach ballten sich in meinem Atelier plötzlich viele der Coroenchen zusammen, als Häkel-Mutationen befielen sie neue Wirte und quollen förmlich über sich selbst hinaus. Sie veränderten ständig Form Farbe und Art. Nicht viel später wurde meine Coroenchen-Welt leider von der Realität eingeholt … von den Covid-Mutationen.

Wie ging es dann weiter?

C-238 Große Weiße

Während einer ‚Artist Residency‘ im August in der Kunsthalle in Below, Mecklenburg-Vorpommern, begab ich mich bewusst in eine einwöchige Klausur zur künstlerischen Virussforschung, die ich dort abschließend in einer performativen Ausstellung vorgestellt habe. Während dieser Woche – andere hätten vermutlich Urlaub gemacht – extrahierte ich Häkel-DNA-Fäden, fertigte weitere Coroenchen und vor allem Mutationen in vielfältigen Erscheinungsformen.

Oktober vor dem 2. Lockdown

Diese Art der Ausstellungs-Performance wie in Below wählte ich dann auch als Format für die Ausstellung in Fürth in meinen mit C besiedelten Wohnräumen. Die Gäste waren direkt mit den Mikroben konfrontiert, die überall lagen, hingen und recht wild den Raum beherrschten.

Trotz der bedrohlichen Situation – man musste während der Ausstellung Masken und Schutzhandschuhe tragen – kam es zu lebhaften Diskursen, die vermutlich viel intensiver waren, als es in einem öffentlichen Ausstellungsraum möglich gewesen wäre. Am Montag danach lag übrigens der Inzidenzwert in Nürnberg über 50 und mein Event wäre nicht mehr möglich gewesen.

Wie sind sie auf den Namen Coroenchen gekommen?

Der Name war doch naheliegend! Ein Coroenchen ist ein kleines ETWAS, farbig, fröhlich erheiternd … So wie einem das Wort BIERCHEN das Gefühl gibt, dass kaum Alkohol drin ist, so lauert im COROENCHEN kaum eine Gefahr. Höchstens die, auch in grauen Zeiten einmal zu lächeln.

Ist der Name nicht zu verniedlichend für die Pandemie?

C-199 neuer Kulturansatz

Ich will die Pandemie mit meiner Arbeit weder verharmlosen, noch verniedlichen. Eher will ich den Menschen eine Freude machen. Ich will ihnen die Möglichkeit geben, dass sie sich fast spielerisch, humorvoll und ohne Angst im Nacken mit dem schwierigen Thema auseinandersetzen … sei es in einer Ausstellung, sei es in einem Gespräch. Denn Kunst soll meiner Ansicht nach dazu herausfordern, verschiedene Gesichtspunkte zumindest zu sehen.

Was sagen Sie zu den Wort-Neuschöpfungen rund ums C?

Als das Leibniz-Institut in seiner Sammlung von Begriffen zu Corona das Wort Coroenchen aufführte, war ich innerlich richtig stolz darauf, dass mein Begriff – das Coroenchen – dabei war! Sie haben dann ja auch über diese Wort-Schöpfungen im BR berichtet …

Wie war die letzte Zeit für Sie?

Zunächst einmal war ich viel beschäftigt! Die Korrespondenz mit den Museen, verschiedene Anfragen von Interessenten, die Coroenchen erwerben möchten. So ging das letzte, mein zauberhaftes C-165 – das Wut-Wasti, neulich nach Stuttgart.

Und dann noch die Archivierung und Dokumentation. Das alles gehört ja zum künstlerischen Schaffen dazu. Es verschlingt viel Zeit und Engagement, wenn man keine Galerie hat, die sich darum kümmert. So habe ich also in den letzten Wochen zunächst völlig in der Coroenchen-Welt gelebt. Das Mikrobiom, der Virus, war zwar nicht ‚im Inneren‘, umgab mich aber ganz lebhaft überall in meinen Räumen.

Ich habe gelernt, mit ihm zu leben …

Und, obwohl ich mir vorgenommen hatte, dem Woll-Virus am 13. März 2021 ein Ende zu setzen, befasse ich mich doch weiter mit der C-Thematik: in Skizzen, Fotografien, in der digitalen Weiterverarbeitung der Cs.

Das Schöne an künstlerischer Arbeit ist doch: Sie hört nie auf!