Atelier PAS
Petra Annemarie Schleifenheimer

Ein wandelnder Ausstellungskalender

Es gibt Menschen, die sammeln Kunst. Andere sammeln Ausstellungen. Und dann gibt es jene seltenen Begegnungen mit Menschen, die selbst zu einem lebendigen Archiv der Kunstszene geworden sind.

Im Rahmen meiner Reihe „Persönliche Gespräche statt Vernissage“ im Babylon Fürth traf ich einen solchen Menschen: Thomas Schäfer. Ein wandelnder Ausstellungskalender, der nicht nur weiß, was gerade wo gezeigt wird, sondern zu vielen Künstlerinnen und Künstlern auch Geschichten, Begegnungen und Erinnerungen beitragen kann.

Ein herzliches Dankeschön an die freundliche unbekannte Dame an der Bar fürs Fotografieren!

Die pralle Begleiterin

Wenn Thomas mich besucht, normalerweise im Atelier bei einer meiner Veranstaltungen, bei den „ArtSnacks“ oder zum „Gastspiel“, kommt er selten allein. Seine Begleiterin ist meist eine prall gefüllte Papiertüte. Aus dieser ergießt sich, einem Füllhorn gleich, ein schier unerschöpflicher Strom von Einladungen, Ausstellungskatalogen und Kunstbüchern. So war es auch heute, als er mich in meiner Ausstellung „Wenn der Weg unscharf wird, bleibt nur das Hüpfen von Fleck zu Fleck“ in Fürth besuchte.

Ein Füllhorn mit Comics ergießt sich auf den Bistrotisch

Diese Fülle ergänzt Thomas mit hinreissenden Beschreibungen der jeweiligen von ihm besuchten Veranstaltungen („Fein Wein, lecker Häppchen“), kommenden Events und Terminen „… das musst Du Dir unbedingt noch ansehen …!“.

In den mitgebrachten Unterlagen kreist sein Zeigefinger über Notizen, witzigen Ausrufungszeichen und sonstigen Markierungen im Programmheft, die darüber Aufschluss geben, wen er alles besucht hat und was er von dem Gesehenen hält. 

Mir wird ganz comic


In seinen Erzählungen führt er mich bei unserem Treffen im Bistro des Babylon Kinos, zwei Stunden lang durch die sehenswerten Locations des 22. Internationalen Comic-Salons. Die Ausstellungs- und Hallenpläne vor uns auf dem Tisch – ein kunterbunter Leitfaden durch witzigen ultimativen Katzenjammer (seit 1909 und laut Verlag der älteste Comic der Welt) über Enten, die sich in Raketen retten bis hin zur Entdeckungsreise in die seltsame Welt der Quanten.

Ausschnitt aus „The Katzenjammer Kids in Kalifornien“

Doch was unser Gespräch besonders machte, war nicht nur die Fülle seines Wissens. Es war seine ungebrochene Neugier. Die Offenheit, sich auf Werke einzulassen, Fragen zu stellen und neue Verbindungen zu entdecken.

Dieses ungebremste Interesse an der Kunst, an künstlerischen Aktivitäten lockt Thomas weit über unsere Metropolregion hinaus. Egal ob Künzelsau, Schwäbisch Hall, Schwarzenbach an der Saale, Duisburg, Dortmund, Düsseldorf, Berlin, Basel oder Salzburg oder oder:  „ … da ist eine Ausstellung, da fahr ich hin …“. Wohlgemerkt: Thomas Schäfer unternimmt alle diese Ausflüge mit den „Öffis“.

Wahrscheinlich könnte mein heutiger Gast noch Stunden weiter erzählen. Wieder einmal bin ich begeistert, wenn auch etwas von der Unmenge des Gehörten und Gesehenen erschöpft. Ich muss zurück ins Atelier, die Wundertüte vom Comic-Salon leeren und Thomas, tja, der muss morgen früh mit dem Zug nach … 

Genau für solche Begegnungen habe ich diese Gesprächsreihe ins Leben gerufen. Ohne den Trubel einer Vernissage, ohne Programmpunkte und Zeitdruck entsteht Raum für echte Gespräche – über Kunst, über Wahrnehmung und manchmal auch über das Leben selbst.